Arktische Impressionen 2026 beim Pfeddersheimer Weinorden
Die vier Jahreszeiten in der Arktis
Der Pfeddersheimer Meeresbiologe und Polareisforscher „Iceman“ Prof. Dr. Rolf Gradinger referiert beim Weinorden Pfeddersheim.
Von Peter Behringer
Der Vorsitzende des Pfeddersheimer Weinordens, Werner Gradinger, konnte im voll besetzten Sängerheim mit einem herzlichen Vivat Paterna – Vivat Vinum rund 180 Gäste, unter ihnen seinen Vorgänger Günter Bleise, den Vorsitzenden des Gesangvereins Bernhard Steinke mit dessen Team, die Wormser Oberbürgermeisterkandidatin, Bürgermeisterin Stephanie Lohr, den weiteren Kandidaten, Beigeordneter Timo Horst, Ortsvorsteher Jens Thill und selbstverständlich seinen Bruder, den Meeresbiologen und Polareisforscher Prof. Dr. Rolf Gradinger, herzlich begrüßen.
Der Referent ist Meeresbiologe sowie Polarforscher an der Universität Tromsö. Seit vielen Jahren erforscht er die arktischen Meeresökosysteme und hat zahlreiche Expeditionen in den hohen Norden begleitet. Seine wissenschaftliche Arbeit und seine persönlichen Erfahrungen ermöglichen einzigartige Einblicke in eine Region, die für viele von uns zugleich faszinierend und schwer zugänglich ist.
Die arktische Natur ist geprägt von den krassen Unterschieden zwischen dem eisigen, dunklen Winter, einem kurzen Frühling, einem lichtdurchflutenden Sommer, gefolgt vom kurzen Herbst.
Der Vortrag zeigte anschaulich die Bedingungen in den vier Jahreszeiten, sowie die Anpassungen von Pflanzen und Tieren im Meer und an Land.
Wie in den vergangenen Jahren wird der Vortrag wieder mit einer Vielzahl von Bildern der Polarregion, die Rolf Gradinger bei seinen Forschungsaufenthalten in der Arktis gesammelt hat, anschaulich illustriert.
Nach einigen Infos über den Ablauf der Veranstaltung konnten die Gäste die Reise in die wunderbare Welt des „Ewigen Eises“ endlich antreten.
Prof. Dr. Gradinger nennt die Arktis eine Region der Gegensätze. Von Mitte November bis Mitte Januar, also in den Wochen um die Wintersonnenwende, ist von der Sonne wirklich überhaupt nichts zu sehen, also eine echte Polarnacht. Noch bis Ende März ist es weitgehend dunkel. Die Rückkehr von Licht und frischer Energie geschieht dann aber auch sehr plötzlich. Das Licht ist der Auslöser für das Ende der Polarnacht und den Frühlingsbeginn in der Arktis, indem es biologische und ökologische Prozesse steuert. Die Rückkehr des Sonnenlichts von März bis Mai regt das Wachstum von Eisalgen an, welche die Basis der marinen Nahrungskette bilden. Vögel und andere Wildtiere kehren zurück oder beginnen mit der Fortpflanzung, ausgelöst durch den veränderten Tag-Nacht-Rhythmus. Nach dem Schmelzen des Schnees treiben Tundra-Pflanzen in kurzer Zeit aus.
Von Ende April bis Ende August steht nun die Sonne 24 Stunden täglich am Himmel. Das bedeutet, dass die Einheimischen im Sommer etwas mehr als vier Monate lang fast ohne Unterbrechung Sonnenlicht genießen können. Von Juni bis Juli/August werden nun über 20 Grad gemessen. Die Vorstellung, dass es in der Arktis immer sehr kalt sei, ist nicht richtig. Der Kälterekord im arktischen Sibirien beträgt minus 78 Grad, der Wärmerekord aber 38 Grad!
Fünf Flüsse, die zu den längsten der Welt gehören, münden in den Arktischen Ozean. Auf der euroasiatischen Seite sind das die großen sibirischen Flüsse Ob, Jenissei und Lena, in Nordamerika der Yukon River in Alaska und der kanadische
Mackenzie River. Etwa 10 Prozent des weltweiten Flusswassers münden jährlich in den Arktischen Ozean. Das sind rund 3.300 Kubikkilometer Wasser.
Der Referent verglich die Temperaturen der Arktis mit denen von Pfeddersheim.
In der Arktis ist es das ganze Jahr über viel kälter als in Pfeddersheim, mit einer Jahresmittel-Temperatur von etwa -18 °C gegenüber rund 12,4 °C in Pfeddersheim.
Erstaunt registriert das Publikum, dass in 1 m³ Meerwasser so viele Mikroalgen leben, wie es Menschen auf der Erde gibt. Und: Die Weltmeere produzieren statistisch gerechnet insgesamt etwa die Hälfte des Sauerstoffs auf der Erde durch die Photosynthese von Phytoplankton.
Der Referent zeigte tolle Bilder vom Frühling an Land nach der Schneeschmelze. Alles geht sehr schnell, 900 Moosarten, Pflanzen, Insekten, die Tierwelt wird aktiv.
Eine rasch erwachende Tundra mit freiliegendem Gestein, feuchten Schmelzwasserflächen und ersten winzigen Blütenpflanzen. Die Algen erfahren vom Frühling durch zunehmendes Sonnenlicht und tauendes Eis. Sobald die Tage nach der Polarnacht länger werden, steigt die Sonne höher und das Meereis wird durchlässiger.
Die Untereisfauna in der Arktis umfasst spezialisierte Organismen an der Unterseite des Meereises, darunter vor allem Ruderfußkrebse, Flohkrebse und Eisalgen. Dieser Lebensraum bildet ein vitales mikro- und makrobiologisches Netzwerk in den Polarregionen. Eisalgen produzieren Kohlenstoff, der direkt von Anlageorganismen wie Krebsen genutzt wird und in höhere pelagische (freies Wasser) sowie benthische (Gewässerboden) Nahrungsnetze fließt. Der Rückgang des arktischen Meereises bedroht diesen spezialisierten Lebensraum und verändert die arktischen Nahrungsströme grundlegend.
Nachtarbeit – Lichtkegel vom Schiff Bild: Prof. Dr. Rolf Gradinger
Nachdem sich die Gäste mit den vom Team des Gesangvereins angebotenen Würstchen, Brezeln und Käsespießen sowie kalten Getränken in der Pause versorgt hatten, ging die Reise durch die arktischen Jahreszeiten mit Bildern von Tieren im Eismeer wie Eisbären, Robben, Wale und Seevögel, weiter. Zu sehen war auch ein
sommerlicher Garten mit verschiedenen Beeren, Pilzen, kälteresidentes Gemüse wie Grünkohl, Zwiebeln und Karotten.
Die Sonne verschwindet nun, der Herbst kommt. Die kurze Phase des Übergangs mit sinkenden Temperaturen und schwindendem Licht wird oft als arktischer oder polarer Herbst im September wahrgenommen. Es wird zunehmend kalt, das Meer fängt an mit verschiedenen Eisstufen einzufrieren (Pfannenkucheneis). Diese werden immer größer, ab 20 cm Durchmesser Eiskuchen – dann Eisschollen. Nun visualisierte der Referent die Folgen des Klimawandels: Die Arktis heizt sich auf, das Eis wird weniger. Die minimale Ausdehnung im Spätsommer (September) sinkt seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 kontinuierlich mit einer Rate von etwa 13 % pro Jahrzehnt. Neben der reinen Fläche schrumpft auch die Dicke des Eises massiv, wodurch das arktische Meereis immer jünger und dünner wird.
Der Winter kommt: Das letzte Licht verschwindet, minus 37 Grad, ein kalter Wind. Der Mond verhindert völlige Dunkelheit, dies ist sehr wichtig für die Biologie.
Forscher nutzen das helle Mondlicht in der dunklen Jahreszeit gezielt für optische Messungen, die sonst nur tagsüber möglich wären. Der Referent zeigt auf, welche Überlebensstrategien die Tiere in der Arktis an Land und Meer entwickeln, um ihr Überleben zu sichern. Für viele ruhen die Lebensprozesse weitgehend, andere fressen sich fett, z.B. Eisbären, Robben und Wale.
Mikroalgen überleben den arktischen Winter, indem sie ihre Stoffwechselaktivität drastisch drosseln, in einen Energiesparmodus verfallen oder als Sporen im Meereis überdauern. Die Algen stellen die Photosynthese mangels Lichts ein. Sie schalten auf Sparflamme, um Energie zu sparen und zehren von zuvor angelegten Reserven. Viele Arten überleben direkt im oder unter dem Packeis eingefroren.
Der Forschungsbedarf ist und bleibt enorm, gerade im Kontext des Klimawandels.
Die Eismeerforschung ist deshalb so wichtig, weil die Polargebiete die Klimaanlage der Erde sind, den globalen Meeresspiegel beeinflussen und einzigartige Lebensräume schützen.
Der Referent beendete seinen Vortrag und freute sich sichtlich über die Reaktion des Publikums und den Applaus, aber auch über den von Werner Gradinger überreichten Gutschein einer Pfeddersheimer Eisdiele sowie einem urigen T-Shirt mit Koordinaten zum Pfeddersheimer Markt.
Abschließende Dankesworte richtete Werner Gradinger an alle Protagonisten, die zum Gelingen dieses Events beigetragen hatten. Mit Hinweisen zu künftigen Veranstaltungen des Weinordens und des hiesigen Gesangvereins sowie der Bitte um eine Spende, deren Erlös nach Abzug der Kosten wie immer Pfeddersheimer Einrichtungen und sozialen Zwecken zugutekommen, beendete er die Veranstaltung