Wein als Instrument der Repräsentation und politischer Kultur in Deutschland.
Von Peter Behringer
Bei dieser Veranstaltung besonderer Art konnte der Vorsitzende des Weinordens Pfeddersheim, Werner Gradinger, im Sängerheim ca. 40 Gäste, mit einem herzlichen „Vivat Paterna – Vivat Vinum“, begrüßen.
Ein besonderer Gruß erging an die designierte Oberbürgermeisterin der Stadt Worms, Frau Stephanie Lohr sowie den Bundestagsabgeordneten Herrn Jan Metzler.
Werner Gradinger stellte zunächst den Referenten des Abends, Herrn Prof. Dr. Knut Bergmann vor:
Prof. Dr. Knut Bergmann war nach Studium und Promotion an der Universität Bonn u.a. Grundsatzreferent im Bundespräsidialamt und Redenschreiber des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. Seit 2012 arbeitet er am Institut der deutschen Wirtschaft, an dem er in Doppelfunktion die Kommunikationsabteilung und das Berliner Büro leitet. Daneben lehrt er Politikwissenschaft an der Universität Bonn.
Sein Buch „Mit Wein Staat machen, eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, auf dem sein Vortrag heute Abend fußt, ist eine Art politikwissenschaftliche Hinterlassenschaft seiner fünf Jahre im Bundespräsidialamt in der Amtszeit von Bundespräsident Horst Köhler. Es wurde vielfach in den Medien besprochen.
Sein Buch „Mit Wein Staat machen. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, auf dem sein Vortrag heute Abend fußt, ist eine Art politikwissenschaftliche Hinterlassenschaft seiner fünf Jahre im Bundespräsidialamt in der Amtszeit von Bundespräsident Horst Köhler.
Wie Staatsbankette – und die dort aufgefahrenen Getränke – die Geschichte der Bundesrepublik beeinflussten, erzählt der Politikwissenschaftler Knut Bergmann höchst unterhaltsam in seinem Buch ‚Mit Wein Staat machen‘.“
Als weitere Referentin und Organisatorin der Veranstaltung präsentierte Werner Gradinger Frau Dr. Manuela Schäfer, ihres Zeichens Wein- und Kulturbotschafterin Rheinhessen und anerkannte Beraterin für Deutschen Wein, die die begleitenden Weine gekonnt vorstellte, begonnen mit dem im Buch erwähnten Begrüßungssekt Kessler Hochgewächs Chardonnay Brut von der Spitzen-Sektkellerei in Esslingen. Das Haus Kessler, mit 200 Jahren die älteste Sektkellerei Deutschlands, gehört zu den wenigen deutschen Sektkellereien, die ihre historischen Wurzeln in Frankreich haben.
Staatsbesuch der niederländischen Königin Juliana mit ihrem Gemahl Prinz Bernhard Ende Oktober 1971: Der Widerwille Prinz Bernhards gegen deutschen Schaumwein war verständlich. Mehrere Jahrzehnte erwies er sich als kleines Hindernis im diplomatischen Getränkeeinsatz. Falls die Geschichte wahr ist, die der Produzent seitdem zu Werbezwecken einsetzt, bestimmte Konrad Adenauer 1956 Kessler Hochgewächs, das jahrgangslose Spitzenprodukt der ältesten Sektkellerei Deutschlands, nach einem Besuch dort zum Schaumwein für die Empfänge der Bundesregierung. Tatsächlich wurde dieser Sekt bei vielen Staatsbanketten bis in die 1980er Jahre gereicht.
Auch die beiden ersten zur Verkostung vorgestellten Weine, 2024-er Gutedel „Alte Reben“ trocken vom Winzerkeller Auggener Schäf aus dem äußersten Südwesten Baden-Württembergs sowie der 2024er Chardonnay Reserve vom Weingut Thörle
in Saulheim sind wie alle nachfolgend vorgestellten Weine mit deren Anekdoten dem Buch des Referenten entnommen.
Honecker in Bonn 1987: Obwohl offiziell nur ein Arbeitsbesuch, kamen Honecker fast alle protokollarischen Ehren gleich einem Oberhaupt eines souveränen Staates zu. Beide Hymnen wurden gespielt, beide Flaggen gehisst usw. Hart an die Schmerzgrenze geht etlichen Status-Fetischisten, dass Bundespräsident Richard von Weizäcker den DDR-Gast nicht nur zum Höflichkeitsplausch sehen, sondern bei einem Mittagsmahl in der Villa Hammerschmidt bewirten will. Für das Abendessen in der Bad Godesberger Redoute – kein Staatsbankett, einer der feinen Unterschiede – zeichnete der Bundeskanzler (Helmut Kohl) verantwortlich. Bei diesem Mahl am 7. September 1987 gab es ein für das damalige Bonn typisches Weinangebot. Dazu zählte auch der nicht übermäßig viel Genuss verheißende weiß gekelterte 1985er Spätburgunder Auggener Schäf Weißherbst Spätlese. Das Essen – Wildlachs, Creme vom Petersilienwurz, Kalbsmignons, und Zwetschgensorbet – unauffällig, aber wichtiger waren ohnehin die Tischreden.
Der 1976er Auggener Schäf Gutedel Kabinett avancierte zum Standartweißen der Präsidentschaft von Walter Scheel, er wurde auch bei anderen Staatsbesuchen querbeet ausgeschenkt.
Quenn Elizabeth II., fünfter Besuch: Das Weinangebot scheint sogar bei herausgehobenen Staatsgästen manchmal zu misslingen. „Holzboot, Pferdebild, billiger Wein – oh my God!“ war ein Artikel des Queen-Biographen Thomas Kielinger über deren 5. Staatsbesuch im Sommer 2015.
Kielinger irrt indes. Denn die Auswahl für das Staatsbankett am 24. Juni 2015 im schloss Bellevue bestand aus guten Weinen von guten bis sehr guten, zugegeben nicht den bekanntesten Winzern. Konkret handelt es sich unter anderem um 2014er Saulheimer Chardonnay Reserve trocken vom Weingut Thörle in Rheinhessen.
Die nächsten beiden Proben, die Dr. Manuela Schäfer in ihrer charmanten Art vorstellte, beinhalteten 2024er Hochheimer Königin Victoriaberg Riesling ERSTE LAGE trocken vom Weingut Joachim Flick VDP in Flörsheim am Main sowie 2021er Down To Earth Riesling trocken vom Wachenheimer Weingut Dr. Bürklin-Wolf VDP.
Am Ende des 17. Jhd. begann der 1435 erstmals erwähnte Rheinriesling zum Synonym für deutschen Qualitätswein zu werden. Um das Jahr 1900 fehlten er und seine Pendants von der Mosel auf keiner Tafel europäischer Königshäuser. Bis heute verdanken einige Weinberge ihren Namen gekrönten Häuptern. Die Hochheimer Lage Dechantenruhe im Rheingau wurde beispielsweise 5 Jahre nach einem Besuch der britischen Regentin im Jahre 1845 ihr zu Ehren in „Königin Victoriaberg“ umbenannt.
Helmut Kohl: Noch weniger auf einer Wellenlänge befanden sich Richard von Weizäcker und Helmut Kohl. Da amtierte gemäß ehemaligem Protokollchef Heinrich Seemann „ein feingliedriger Aristokrat neben einem klotzigen Kanzler“. Beim nicht für sublimem Geschmack gerühmten Helmut Kohl diente der Wein weniger zur Repräsentation, sondern mehr als sozialer Schmierstoff, vielfach Riesling aus seiner Pfälzer Heimat. Legendär sind seine Ausflüge mit ausländischen Gästen in den Deidesheimer Hof, wo viele Staatschefs mit dem regionaltypischen Saumagen Bekanntschaft machten. Michail Gorbatschow soll Kohl dabei das „Du“ angeboten haben.
Selten genug, aber zwischen den beiden (von Weizäcker und Kohl) bestand Einvernehmen, dass abseits vom sonst Üblichen der Kanzler und nicht der Präsident das erste Abendessen beim Staatsbesuch des sowjetischen Staatschefs (Gorbatschow) im Juni 1989 geben sollte. Die Kohl`sche Speisenfolge Soufflé und Tartar vom Lachs, Creme vom Petersilienwurz mit Schaumklößchen, Filet vom Rind
mit Stangenspargel und Maltesersauce sowie frische Erdbeeren, Limonenparfait und Waldbeerensorbet klingt etwas bodenständiger als das Essen des Präsidenten am Folgetag auf Schloss Augustusburg. Önologisch gestaltete sich das eher anders herum, obwohl bei Kohl der altbekannte Gutedel aus Auggen mit dabei war. Das Gleiche gilt für die Weißweinfolge mit einer Forster Pechstein Riesling Spätlese 1985 von Bürklin-Wolf aus der Pfalz und Fürst von Metternich Riesling Sekt Brut 1982.
Nach der Essenspause mit einem Drei-Gang Menü schenkten die Helferinnen und Helfer vom Gesangverein 1845 e.V. Pfeddersheim das nächste Probenpaar ein, nämlich 2023er Seeger Cuvée AnnA vom Leimener Weingut Seeger VDP sowie 2022er Spätburgunder Erste Lage trocken von der berühmten Weinlage Assmannshäuser Höllenberg – Kloster Eberbach VDP.
Der erste Staatsgast nach dem Auszug aus Augustusburg im Gästehaus Petersberg der Bundesrepublik Deutschland in Königswinter war der tunesische Präsident Zine El Abidine ben Ali samt Gemahlin im November 1996. Der Menüfolge Wortreichtum war dabei etwas abgespeckt, obwohl der Petersberg ebenfalls von der Steigenberger-Hotelkette betrieben wurde. Die Winzer namhaft, Dr. Wehrheim, Seeger und Wegeler Erben, Ersterer und Letzterer schon damals Mitglieder des VDP, Seeger erst seit 2010. Die von ihm produzierte, hier nüchtern als „1994er Rotwein trocken“ bezeichnete „Cuvée AnnA“ war einer der ersten deutschen Rotweinverschnitte, die im Barrique ausgebaut wurden. Der aus den Rebsorten Schwarzriesling, Lemberger, Spätburgunder und Portugieser assemblierte Wein sollte noch häufiger erscheinen.
Rarer Rotwein:
Der Ausfuhranteil bei Spätburgunder liegt aktuell bei ungefähr einem Prozent, obwohl er mittlerweile fast ein Achtel der gesamten Rebflächen hierzulande bedeckt. Dennoch existierte in den bundesrepublikanischen Anfängen mindestens eine Lage, die überzeugende Erzeugnisse hervorbrachte. Dies bewies eine denkwürdige Blindverkostung, bei der 2009 insgesamt 15 Jahrgänge Spätburgunder vom Assmannshäuser Höllenberg der Jahrgänge 1921 bis 1959 aus der Schatzkammer von Kloster Eberbach verkostet werden konnten. Dagegen standen in der Probe deren Pendants aus dem Burgund, sämtlich von besten Erzeugern, zuvorderst der Domaine Romanée-Conti. Im Ergebnis teilten sich unter den 10 besten Weinen die burgundischen Pinot Noirs mit den Rheingauern Spätburgundern die Plätze mit geringfügigen Vorteilen auf französischer Seite. FAZ: „Eine allgemein als qualitativ sensationell empfundene Weinprobe wurde zu einem großen Erfolg für die alten deutschen Rotweine.“
Zum Abschluss degustierten die Teilnehmenden 2022er Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese vom Weingut J.J. Prüm VDP in Bernkastel-Kues, OT. Wehlen.
Ein letzter Toast auf Schloss Augustusburg am 25.06.1996: Bundespräsident Roman Herzog und der rumänische Präsident Ion Iliescu. Nun hieß es Abschied nehmen von dem Schloss, das fast vier Jahrzehnte der Bundesrepublik und ihren Staatsgästen treu gedient hatte. Zum Schlussakkord gab es mit Wehlener Sonnenuhr zwar eine exzellente Lage, aber mit dem Weingut Kerpen eigentlich vom falschen Winzer, da es renommiertere Anteilseigner gibt.
Werner Gradinger dankte den beiden Referenten, Herrn Michael Rohleder (Technik), den Mitgliedern des GV 1845 e.V. Pfeddersheim (Service), dem Klausenberg-Catering (Menü), Frau Vera Berdes für die passende Deko, der Stadt Worms und der Rheinhessen-Sparkasse (Förderung und Sponsoring), allen Helfenden und Protagonisten sowie den Gästen und wünschte ihnen einen guten Nachhauseweg.